Archiv für Februar 2013

Keine Solidarität mit Femen

Hier ein lohnenswerter Text der Gruppe diss_:

Wir sind wütend und ziemlich fassungslos darüber, wie Femen Germany am 25.01.2013 ihren Protest gegen Sexarbeit in der Herbertstraße in Hamburg zum Ausdruck brachten.

Mit nackten Oberkörpern, bemalt mit Parolen und „mit brennenden Fackeln bewaffnet, marschierten [sie] in Formation“1 durch die Herbertstraße, die von beiden Seiten mit Sichtschutz abgeschlossen ist. Die Tore wurden von den Nazis in den 1930er Jahren eingerichtet und nun knapp 80 Jahre später von den Femen Germany um die Aufschrift „Arbeit macht frei“ ergänzt.
Diese unfassbare Analogie von Holocaust und Sexarbeit zieht sich durch die gesamte Aktion der Femen Germany; sie vergleichen die „Bordellstraße“ Herbertstraße mit nationalsozialistischen Vernichtungslagern: „In KZs [wurden] Menschen zerstört und die Prostitution zerstört auch die Seelen der Frauen. Das ist ein Genozid an Frauen, was hier passiert“2 und stellen mit ihren Plakaten „sexindustry is fascism“ die Sexindustrie mit Faschismus auf eine Stufe.
Diese Aussagen sind blanker Hohn gegenüber den Überlebenden und all den in der Shoah ermordeten Menschen. Die Gleichsetzung von Genozid und Sexarbeit ist einfach … (…uns fehlen die Worte…). Sexarbeit = Massenmord?! Ja nee ist klar…

Jedoch ist die Analogie von Sexarbeit und Shoah nicht das einzige, was uns an der Aktion und an Femen Germany wütend macht.
Der Blick auf Sexarbeit ist durch eine unerträgliche Viktimisierung und antifeministische Beschränktheit geprägt. Sexarbeit ist eine selbstbestimmte und freiwillige Tätigkeit – so freiwillig wie Lohnarbeit im kapitalistischen System nun mal sein kann. Sexarbeit stellt eine Form der
Dienstleistung dar, die Sex oder sexuelle Dienstleistung als Ware verkauft und nicht den Körper.
Die Körper gehören den Sexarbeiter*innen!
Sexarbeit ist als Arbeit anzuerkennen, die aufgrund unterschiedlichster Motive oder eben auch aus Notlagen heraus ergriffen wird. Wer die Frage nach der Freiwilligkeit von Sexarbeit aufwirft, muss sich auch generell der Frage nach einer Freiheit der Wahl von Lohnarbeit im kapitalistischen System widmen. Jenseits der vermeintlich „freien Berufswahl“ steht Lohnarbeit an sich überhaupt nicht zur Diskussion.3 Eine Kritik, die in diese Richtung geht, suchen wir bei Femen Germany vergebens.
Sexarbeit muss von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, oder wie Femen es nennt, „de[m] Import von Fleisch aus Osteuropa“, getrennt betrachtet werden. Bei Menschenhandel handelt es sich um Gewalt und Vergewaltigung und nicht um Prostitution!
Mit ihrer Rhetorik vom „Fleisch“ und ihrer Annahme, dass Prostitution grundsätzlich traumatisierend wirkt – egal ob freiwillig ausgeübt oder nicht – verbleiben Femen in der gleichen respektlosen Sicht auf Frauen*, wie sie es der Sexindustrie vorwerfen. Sie sprechen damit Sexarbeiter*innen jegliche Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit ab. Und unterstellen damit, dass Frauen* eben nicht zu jeder Zeit, mit wem sie wollen, wie sie wollen und zu ihren Bedingungen Sex haben dürfen und können ohne dass sie damit ihre „Seele“ zerstören.
Was bitte ist daran feministisch?
Femen fordern, Prostitution durch gesetzliche Reglementierungen abzuschaffen. Damit würden alle Sexarbeiter*innen kriminalisiert. Wem wäre damit geholfen? Den Frauen* die dann in der Illegalität arbeiten müssen?
Femen Germany sieht alle Frauen* die in der Sexarbeit tätig sind, als wehrlose Opfer, die wohl nur darauf warten, dass sie von barbusigen Fackelträger*innen mit Hakenkreuzbinden befreit werden.
WTF?? Und wenn alle Prostituierten befreit sind, dann sind auch alle anderen Frauen* von Unterdrückung befreit?

Diese Sichtweisen ignorieren bestehende patriarchale Strukturen und Mechanismen. Femen Germany wollen zwar das Patriarchat abschaffen, jedoch ist ihr „Revolutionsziel“: „Am Ende steht das Matriarchat“. Diese Aussage von Femen Germany- Anführerin [sic!] Alexandra Schewtschenko aus einem Interview mit der Zeit4 zeigt zweierlei: Der Wunsch nach einer Umkehr der Machtverhältnisse, d.h. die weitere Unterdrückung von Menschen als Ziel der Revolution und die Annahme einer dichotomen Zweigeschlechtlichkeit.
Was genau ist daran jetzt revolutionär?

In ihrer Internetpräsenz berufen sich die „morally and physically fit soldiers“ Femen auf ihre Waffen: „hot boobs“5. Auf allen Bildern von Femen in der Presse ist somit vor allem eines zu sehen: Brüste. Nackt. Genau das macht uns stutzig.
Brüste zu sehen schockt ja nicht mehr wirklich in einer Medienlandschaft, in der sogar Margarine mit nackten Frauenkörpern beworben wird. Klar, Brüste bringen immer noch mediale Aufmerksamkeit, das funktioniert. Aber warum bringen Femen – egal um welches Thema es geht – ihre Brüste ins Bild? Auf jeden Missstand mit Ausziehen zu reagieren kann also entweder eine extrem geniale Masche sein, oder – ja, was denn eigentlich?
Bei Femen werden Brüste für und durch den ‚männlichen Blick‘ gezeigt. Ist es nicht mindestens fragwürdig, mit den Mitteln der sexistischen Medien in einem sexistischen System gegen Sexismus kämpfen zu wollen? Wird dabei nicht vielmehr ein Beitrag geleistet zur Reproduktion der Verhältnisse, die eigentlich kritisch ins Visier genommen werden sollen? Leistet das Ausziehen nicht vielleicht einen weiteren Beitrag zur Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen*körpern? Insbesondere, wenn eben ein sehr stereotypes Körperbild vermittelt wird?
Wie kann Ausziehen noch selbstbestimmt sein, wenn es klar ist, dass nur so die gewünschte Aufmerksamkeit erreicht wird? Und darüber hinaus macht es doch gar keinen Sinn, sich zuerst auf eine Aktionsform festzulegen, um sich dann Themen zu suchen, die dazu mehr oder weniger passend erscheinen.
Interessiert sich denn jemand wirklich für die Themen, die Femen-Aktivistinnen mit ihren Brüsten in die Medien bringen? Oder bleibt die Aufmerksamkeit nicht viel mehr nur an ihren, vorwiegend den vorherrschenden Schönheitsidealen entsprechenden, Körpern hängen?

Die Aktion in der Herbertstraße lässt mehr als nur einen schalen Geschmack zurück. Die Reduzierung von Frauen* auf Opfer, die Analogie zu Faschismus, Holocaust und Genozid; die fragwürdigen Statements und die Berufung auf eine Revolution, die nicht die unsere ist – all das und nicht zuletzt die ständige Bezugnahme auf Nationalsymboliken ( z.B. Flagge von Deutschland) lässt uns zu dem Schluss kommen, dass Femen, obwohl sie sich als Feministinnen begreifen, mit uns nichts gemeinsam haben, extrem kritikwürdig sind und es uns mehr als unmöglich machen, ihren Wünschen nach feministischer Solidarität nachzukommen.

diss_
queerfeministische gruppe hamburg

P.s. Liebe Femen-Aktivist*innen, wenn euch unsere Kritik noch nicht zum Nachdenken anregt, möchten wir euch noch folgende Beiträge ans Herz legen:

http://evibes.blogsport.de/2013/01/29/offener-brief-an-femen-germany/
http://www.publikative.org/2013/01/31/wenn-der-aufschrei-im-halse-stecken-bleibt/
http://menschenhandelheute.net/2013/01/31/wer-femen-nicht-braucht-betroffene-von-menschenhandel-und-sexarbeiter_innen/
http://rechtaufstrasse.blogsport.de/

  1. Facebook-Seite Femen Germany [zurück]
  2. Hamburger Femen-Aktivistin Irina Khanova im Mopo-Interview [zurück]
  3. siehe auch: http://rechtaufstrasse.blogsport.de/2011/06/20/recht-auf-strasse/ [zurück]
  4. http://www.zeit.de/sport/2012-06/interview-femen-ukraine-protest [zurück]
  5. femen.org [zurück]