Archiv für Februar 2012

Mopo berichtet über die Folgen der Kontaktverbotsverordnung

Gestern ist dieser Artikel in der Mopo erschienen, der von den ersten Auswirkungen der Kontaktverbotsverordnung in St. Georg berichtet. Die Kontaktverbotsverordnung ermöglicht es der Polizei, mutmaßliche Kund_innen von Sexarbeit mit hohen Bußgeldern zu belegen, was die prekäre Situation von Sexarbeiter_innen in St. Georg weiter verschärft. In dem Artikel kommen auch kritische Stimmen zu Wort. Die inflationäre Benutzung des Wortes „Hure“, die in dem Artikel vorgenommen wird, zeigt jedoch auch die faktischen Grenzen der kritischen Berichterstattung auf.
Zum Artikel auf der Mopo-Seite

Der Straßenstrich verwaist
Die einsamen Huren von St. Georg

Von Mathis Neuburger und Rüdiger Gaertner

Die ersten Freier müssen zahlen! Seit Montag vergangener Woche verfolgt die Polizei Männer, die in St. Georg Huren ansprechen. 13 Bußgelder hat es in den ersten vier Tagen gehagelt – seitdem bleiben die Freier weg, klagen die Prostituierten. Der Straßenstrich ist verwaist.

Am Montag gingen den Beamten sieben Freier ins Netz. Am Dienstag vier. Mittwoch und Donnerstag jeweils nur einer und dann keiner mehr. Das sogenannte „Kontaktverbot“ wirkt – zum Ärger der Huren: „Sonst hatte ich immer circa zehn Kunden am Tag, jetzt sind es maximal drei“, schimpft Sophia (24) aus Bulgarien. „Dazu kommt noch der ständige Ärger mit der Polizei, die verstärkt Streife geht und uns verscheucht.“

Die so gescholtenen Beamten sehen das eher als Lob. Von einem großen Erfolg wollen sie zwar noch nicht sprechen. Das Vorgehen der Polizei habe sich aber wohl in der Szene rumgesprochen, so ein Polizeisprecher. „Ein kleiner Trend ist sichtbar. Wir gehen davon aus, dass dieser weiter anhält und in Zukunft nur noch vereinzelt Bußgelder ausgesprochen werden.“

Vor rund einem Monat hatte der Senat die sogenannte Kontaktverbotsverordnung erlassen. Bis zu 5000 Euro Bußgeld muss seitdem zahlen, wer im Sperrgebiet St. Georg eine Hure anspricht. Bei Erstverstößen werden laut Polizei in der Regel 200 Euro fällig. Teurer wird’s bei Wiederholungstätern.

Die Verordnung wurde erlassen, um St. Georg familiengerechter zu machen. „Nach unseren Beobachtungen sind die Anwohner zufrieden mit der neuen Regelung“, sagt Helmut Voigtland vom Bürgerverein zu St. Georg. „Wenn der eine oder andere Pinneberger jetzt abgeschreckt wird, ist das schon ein Erfolg.“ In der Tat sind kaum noch Prostituierte auf den Straßen zu sehen.

Sophia zum Beispiel stand früher acht bis neun Stunden am Tag unbehelligt an ihrem Stammplatz Ellmenreichstraße. Jetzt sind die Huren ständig in Bewegung, flanieren herum oder verstecken sich auf ihrem Zimmer, wenn sie von der Polizei mal wieder verscheucht wurden.

Kritik am Senat übt daher Michael Joho vom alternativen Einwohnerverein St. Georg. Die Verordnung sei „ein Freifahrtschein für die Polizei, gegen Prostitution vorzugehen“. Joho klagt über grundlose Personenkontrollen und Beamte, die Prostituierte und einfache Bürger bedrängen.

Sophia jedenfalls will in den nächsten Tagen wieder zurück nach Bulgarien: „Das Geschäft ist zu schlecht geworden.“

Filmfestival zu Sexarbeit in Hamburg

Von 8. – 10. Juni findet in Hamburg das erste SAFF – Sex Arbeit Film Fest statt. Drei Tage lang gibt es im Centro Sociale Filme und mehr rund um das Thema Sexarbeit.

Mit dem Filmfest soll ein solidarischer Raum für Diskussionsbeiträge, Erfahrungswerte und politische Kämpfe von Sex Arbeiter_innen und Unterstützer_innen geschaffen werden. SAFF legt den Focus auf die Frage nach einer Darstellung von Sex-Arbeit jenseits von Stereotypen und medialen Zerrbildern.

Bis zum 15. März können noch Filme eingereicht werden!
Mehr Infos findet ihr hier

Stammtisch ausgefallen!

Hallo,
es tut uns sehr leid, dass der Stammtisch am Montag ausgefallen ist! Viele von uns sind krank geworden, das stundelange in der Kälte Stehen am Samstag war wohl zu viel. Jedenfalls möchten wir bei Allen um Entschuldigung bitten!
Wir holen den Stammtisch am kommenden Montag, den 13. Februar nach und freuen uns auf Euer Kommen!
Viele Grüße
Recht auf Straße

Presseschau 4.2.2012

Ein Video von Spiegel Online:

Aus der Taz:
Demo gegen Kontaktsperre in St. Georg
Neue Eskalationsstufe

Netzwerk „Recht auf Straße“ protestiert gegen die Vertreibung von Sexarbeiterinnen aus St. Georg. Seit zwei Wochen gilt die Kontaktsperre-Verordnung.

Mehr als 200 Menschen haben am Samstag auf dem Hansaplatz auf einer Kundgebung des feministischen Netzwerks „Recht auf Straße“ gegen die Vertreibung der Sexarbeiterinnen aus St. Georg demonstriert. Das Motto: „Gegen Repression und Kriminalisierung von Sexarbeit – in St. Georg und überall“. Aktueller Anlass ist die vor zwei Wochen verabschiedete „Kontaktsperre-Verordnung“ durch den SPD-Senat. Sie sieht vor, dass potenzielle Freier bei der Kontaktaufnahme mit Prostituierten ein Bußgeld bis zu 5.000 Euro zahlen müssen.

Szenenwechsel: Rathaus, Donnerstagabend. Im Innenausschuss tagt mehrere Stunden lang eine Expertenrunde zu den neuen Polizeigesetzen. Wohnraum-, Telefon-, Computer- und Videoüberwachung werden diskutiert. Erst als der Punkt „in Gewahrsamnahme“ im neuen Polizeigesetz aufgerufen wird, der auch Freiheitsentzug bei zu erwartenden hohen Bußgeldern vorsieht, wird der innenpolitische Sprecher der SPD, Arno Münster, wach. Ob das auch bedeute, dass Freier in St. Georg in Gewahrsam genommen werden können, fragt er verschämt. Gelächter im Saal.

Doch in St. Georg beschränkt sich die Polizei „im Moment noch auf Ermahnungen“, sagt Anwohnerin Birgit Schulze* der taz auf der Kundgebung am Samstag. „Die Männer schwören den Polizisten gegenüber natürlich, dass es das erste Mal war und dass sie es nie wieder tun würden“, sagt sie. „Das ist, als ob ich beim Falschparken erwischt werde und sage: ,Hab‘ ich noch nie gemacht – tue ich nie wieder.‘“

Rednerinnen der Kundgebung, die ins Englische, Bulgarische und Rumänische übersetzt wird, beklagen, dass die Repression auf die Sexarbeiterinnen im Viertel massiv zugenommen habe und die Prostituierten nach Rothenburgsort vertrieben werden sollen, wo sie „keinen sozialen Schutzraum mehr“ hätten. „St. Georg ist das Paradebeispiel für Gentrifizierung“, sagt eine Rednerin. Mit der Sperrgebietsverordnung, der seit 1996 geltenden Gefahrengebietsverordnung und nun – als „neue Eskalationsstufe“ – mit der Kontaktsperre-Verordnung, würden die Sexarbeiterinnen „hin- und hergejagt und müssen ihrer Arbeit in dunklen Ecken nachgehen“.

Sexarbeiterin Tanja Schulze* zeigt an diesem Samstag erneut Gesicht. Bereits vor zwei Wochen hatte sie anlässlich der Verabschiedung der KontaktsperreVerordnung eine Demonstration der Prostituierten aus St. Georg zum Rathaus geleitet und Gesicht gezeigt. Und auch diesmal fragt sie: „Wo bliebt die Menschlichkeit?“ Seit dem Tod ihres jüngsten Kindes sei sie abgestürzt. „Ich habe alles verloren“, sagt Schulze. Sie lebe trotz weiterer Kinder in Scheidung und hänge an der Nadel, habe hier bei der Drogeneinrichtung Ragazza „Halt gefunden“. Verzweifelt fragt sie: „Es gibt so viel Not. Wenn wir hier unsere Arbeit verlieren, was passiert mit uns?“

*Namen geändert

Zum Artikel in der taz

Aus dem Hamburg Jounal:
Protest gegen Kontaktverbot für Freier

Ein Teilnehmer hält während einer Kundgebung auf dem Hansaplatz im Hamburger Stadtteil St. Georg einen roten Regenschirm hoch. (04.02.2012) © dpa – Bildfunk Fotograf: Marcus Brandt Detailansicht des Bildes 150 Anhänger des Bündnisses „Recht auf Straße“ demonstrierten in St. Georg. Im Hamburger Szeneviertel St. Georg haben am Sonnabend Anhänger des Bündnisses „Recht auf Straße“ gegen Maßnahmen gegen den Straßenstrich protestiert. Insgesamt versammelten sich laut Polizei etwa 150 Menschen zu der Aktion. Es gab Reden in mehreren Sprachen – wie Deutsch, Türkisch und Russisch. Es kam zu keinen Zwischenfällen.
Freier müssen mit hohem Bußgeld rechnen

Im Januar hatte die Hansestadt eine sogenannte Kontaktverbots-Verordnung für St. Georg beschlossen. Freier, die dort künftig Prostituierte ansprechen, müssen mit einem Bußgeld von bis zu 5.000 Euro rechnen. Die Innenbehörde sieht dies als weiteres Mittel, um dem Problem der Straßenprostitution Herr zu werden.
„Sexarbeiterinnen sind Teil von St. Georg“

Der Stadtteil werde immer schicker, kritisierte das Bündnis am Sonnabend. Damit passten viele Menschen wie auch die Sexarbeiterinnen nicht mehr ins Bild. Sie seien aber ein Teil von St. Georg, ohne sie werde etwas fehlen.

Blick auf den Steindamm, im Vordergrund: Straßenschild „Steindamm“. © Picture Alliance/Ulrich Perrey Fotograf: Ulrich Perrey Detailansicht des Bildes Obwohl St. Georg Sperrgebiet ist, gibt es rund um den Steindamm und den Hansaplatz viel Straßenprostitution. Bereits seit 1980 ist der Stadtteil Sperrgebiet, Prostitution offiziell verboten. Allerdings gibt es im Bereich Steindamm, Hansaplatz und den umliegenden Straßen zahlreiche Prostituierte und Zuhälter, die ihrem Geschäft nachgehen. Mit dem Ansprechverbot kann die Polizei nun auch gegen Freier vorgehen.

Zum Bericht im hamburg journal

Aus der BILD:
Demonstration gegen Verbot von Straßenstrich
Hamburg( dpa/lno) – Mit einer Demonstration im Hamburger Szeneviertel St. Georg haben sich am Samstag Anhänger des «Bündnis Recht auf Straße» gegen eine weitere Einschränkung des Straßenstrichs gewehrt. Etwa 150 Protestierende versammelten sich nach Angaben der Polizei in dem Stadtviertel nahe dem Hamburger Hauptbahnhof. Reden wurden in mehreren Sprachen wie Deutsch, Türkisch oder Russisch gehalten und gefordert: «Recht auf Straße für Sexarbeit». Es kam zu keinen Zwischenfällen.
Link zur Bild

Aus dem Hamburger Abendblatt:

Kontaktverbot auf St. Georg: 150 Menschen demonstrieren

Die Verordnung verbietet Kontaktaufnahme zu Prostituierten in St. Georg. Das Bündnis „Recht auf Straße“ kritisiert das Vorgehen der Stadt.

Gegen das sogenannte Kontaktverbot im Stadtteil St. Georg haben am Sonnabend in Hamburg rund 150 Menschen friedlich protestiert. Nach der Verordnung ist es Freiern seit Ende Januar verboten, Prostituierte anzusprechen. Wer trotzdem Kontakt zu einer der Prostituierten aufnimmt, muss mit bis zu 5.000 Euro Geldstrafe rechnen. Die Kundgebung nahe dem Hauptbahnhof sei störungsfrei verlaufen, teilte die Polizei mit.

Das Bündnis „Recht auf Straße“ kritisiert vor allem, dass die Prostitution in den Stadtteil Rothenburgsort abgedrängt werde. Dort sei „wegen der fehlenden Infrastruktur ein selbstbestimmtes Arbeiten ohne Zuhälter unmöglich“, schreibt die Initiative.
Zum Artikel im Hamburger Abendblatt

Zu sexy für St. Georg? – Recht auf Straße für Sexarbeit!!

Pressemitteilung
zur Kundgebung Recht auf Straße am 4. Februar um 14 Uhr
auf dem Hansaplatz

Der Hamburger Senat hat am 24. Januar eine „Kontaktverbotsverordnung“
beschlossen mit der Kunden die Kontaktaufnahme zu Sexarbeiter_innen bei
Strafe von mehreren tausend Euro untersagt wird. Die Arbeitsbedingungen
der Sexarbeit verschärfen sich hierdurch weiterhin, die Möglichkeit, Geld
zu verdienen wird erschwert. Nach einer Demonstration von
Sexarbeiter_innen macht nun das Bündnis Recht auf Straße am 4. Februar um
14 Uhr ein Kundgebung auf dem Hansaplatz, um für ein „Recht auf Straße für
Sexarbeit“ zu demonstrieren.

Im Zuge neoliberaler Stadtentwicklungspolitik, die auch schon in anderen
Stadtteilen wie z. B.
St. Pauli, Altona oder der Schanze zur massiven Verdrängung weniger
einkommensstarker Bevölkerungsteile geführt hat, wird auch St. Georg immer
schicker. Viele Menschen, die bis jetzt dort gelebt und gearbeitet haben,
passen nicht mehr ins Bild. So auch Sexarbeiter_innen, die in
St. Georg über soziale Netze und Infrastruktur verfügen, die zum Arbeiten
nötig ist. Der Senat plant, sie nach Rothenburgsort abzuschieben. Doch
dort ist wegen der fehlenden Infrastruktur ein selbstbestimmtes Arbeiten
ohne Zuhälter unmöglich.

Immer wieder beklagen sich einige Anwohner_innen über die vermeintlichen
Auswirkungen der Sexarbeit und wünschen sich ein Vorgehen des Senats
dagegen. Besonders die Hansaplatzinitiative tut sich dabei hervor. Doch
längst nicht alle Anwohner_innen wünschen sich eine Verdrängung der
Sexarbeiter_innen aus „ihrem“ Stadtteil. So eine Anwohner_in: „Die Frauen
sind ja nicht einfach nur Prostituierte. Sie sind auch Nachbarinnen, mit
denen man mal einen Plausch halten kann. Das ist doch nett.“ Viele
begreifen die Sexarbeitenden auch als Teil St. Georgs, ohne den dem
Stadtteil etwas fehlen würde. Ganz davon zu schweigen, dass auch die
Sexarbeiter_innen fast ausschließlich Anwohner_innen sind.

Nicht nur die Repressionsmaßnahmen wie Bußgelder, Aufenthaltsverbote,
Taschenkontrollen und das Abnehmen von Kondomen und Geld nehmen zu. Auch
die Sexarbeiter_innen wehren sich, die Widerstände werden stärker. Der
Protest richtet sich insbesondere gegen die in St. Georg seit Anfang 2011
mithilfe der Gefahrengebietsverordnung verschärft umgesetzte
Sperrgebietsverordnung und die aktuell vom Senat beschlossene
„Kontaktverbotsverordnung“. Letzere Verordnung macht das Ansprechen von
Sexarbeiter_innen auf St. Georg zur Ordnungswidrigkeit, die mit bis zu
5000 Euro Strafe geahndet werden kann. Diese weitere repressive Maßnahme,
mit der erstmalig auch Kund_innen belangt werden können, wird damit
begründet, nun könnten auch die Freier als eigentliche Schuldige belangt
werden. Diese Argumentation stilisiert die Sexarbeiter_innen zu Opfern
und spricht ihnen die Selbstbestimmung ab.

Sexarbeit, mit der Menschen ihren Lebensunterhalt und den ihrer
Bezugspersonen verdienen, bedeutet Selbstständigkeit und ist eine
Dienstleistung. Statt Anerkennung bringt sie in einer europäischen
Metropole wie Hamburg jedoch Verdrängung und Repression mit sich. Globale
Migration, die Aberkennung von Qualifikationen sowie die Abwertung
weiblich geleisteter Reproduktionsarbeit ziehen es nach sich, dass
(migrierte) Frauen und prekarisierte Migrant_innen in der Sexarbeit ihr
Geld verdienen. Diesen nun ihre Arbeitsverhältnisse darüber hinaus zu
erschweren, ist zynisch. Die „Kontaktverbotsverordnung“ führt zu
klandestinem, risokoreichen Arbeiten unter erhöhtem Konkurrenzdruck. Dass
Selbstbestimmung dabei auf der Strecke zu bleiben droht, liegt auf der
Hand. Am 24. Januar demonstrierten Sexarbeiter_innen, Unterstützer_innen
und Freund_innen trotz harter Beschränkungen und Auflagen durch die
Polizei gegen die herrschenden Zustände. Daran wird das Bündnis Recht auf
Straße anknüpfen und am„Die Widersetzungen sind da, die Frage der
Machtverhältnisse dagegen gestaltet sich noch schwierig“, so Lana Platzert
vom Bündnis, „darum versuchen wir die Proteste und Kämpfe auf mehreren
Wegen zu unterstützen.“

4. Februar um 14 Uhr auf dem Hansaplatz
Kundgebung unter dem Motto „Recht auf Straße für Sexarbeit in St. Georg
und überall“

Kontakt:
Lana Platzert
HansaPlatz 6
4.2. 14Uhr
rechtaufstrasse@riseup.net